15 Fragen an Richard Lemke von Favendo “Man kann sein Glück ein Stück weit erzwingen”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Richard Lemke von Favendo.
“Man kann sein Glück ein Stück weit erzwingen”

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Das hat sich im Laufe der Jahre verschoben: Am Anfang habe ich es als große Freiheit empfunden tun und lassen und mich auf das konzentrieren zu können worauf ich Lust hatte. Inzwischen ist dieses Gefühl der Verantwortung gewichen, die ich gegenüber meinen Mitarbeitern habe. Das hat keinen Einfluss darauf, dass es inzwischen weniger Spaß macht, mein eigener Chef zu sein. Ich empfinde diese Verantwortung als positive Herausforderung und es macht mich stolz, dass die Mitarbeiter, die alle so gut ausgebildet sind, dass sie auch jederzeit woanders arbeiten können, gerade mir und meinem Unternehmen die Treue halten.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Ich habe vor der Gründung von Favendo mehrere Jahre im eCommerce gearbeitet und stellte mir die Frage, wie man die Mehrwerte aus dem eCommerce auf den stationären Handel übertragen kann. Das Kernproblem war, wie man die Produktsuche, wie wir sie von Ebay, Amazon & Co. kennen, im stationären Handel realisieren kann. Auslöser war tatsächlich ein fehlgeschlagener Einkauf in einem Baumarkt.

Ich habe einen bestimmten Dübel gesucht und weder den Dübel noch einen Verkäufer gefunden. Ich hab das Teil dann gefrustet von zuhause mit zwei Klicks online bestellt. Man brauchte also einen Technologielayer, mit dem man bestimmen kann, wo man sich selbst und wo sich das Zielprodukt befindet. Als die Beacon-Technologie vorgestellt wurde haben wir sehr früh darauf gesetzt und diese Entwicklung seitdem vorangetrieben.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
In der Seed-Phase haben wir ein Business-Angel-Investment bekommen, aktuell ein Invest von Family Offices aus den USA.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Der größte Stolperstein war unser schnelles Wachstum, das wir organisatorisch in den Griff bekommen mussten. Durch den starken Anstieg der Mitarbeiteranzahl mussten immer wieder neue Strukturen entwickelt werden. Der permanente strukturelle Wandel war sicherlich die größte Herausforderung. Zumal wir an unterschiedlichen Standorten gearbeitet haben mit Teams, von denen manche schon länger zusammengearbeitet haben und es war teilweise doch sehr kompliziert, die Standorte zu harmonisieren. Dieser Prozess ist auch noch nicht abgeschlossen.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Ich würde vor Gründung noch mal ordentlich Urlaub machen und mich ausgiebig entspannen. Nach der Gründung ist das erheblich komplizierter und wird erstmal nichts.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Erfolgreich eingesetzte Beacon-Technologie bedeutet im Retail-Bereich echte und zielgerichtete Kommunikation mit dem Kunden. Das ist der Mehrwert, den alle haben wollen. Deshalb denken wir unsere Produkte immer vom Endkunden aus. Aus der Sales-Perspektive haben wir aber ein klassisches B2B-Produkt und müssen Entscheider erreichen. Deswegen ist für uns PR in den entsprechenden Fachmedien der wichtigste Kanal. Außerdem leben wir viel von der besten Marketingspielart überhaupt, vom Empfehlungsmarketing.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Ein Onkel von mir hat mich seit den ersten Schritten als Unternehmer begleitet, unterstützt und an mich geglaubt. Zumindest hat er mir immer das Gefühl gegeben, dass er an mich glaubt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Man kann sein Glück ein Stück weit erzwingen. Wenn man sehr hart arbeitet und gerade auch nach Niederlagen nicht liegenbleibt steigt die Wahrscheinlichkeit enorm an, dass man sein Ziel erreicht.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Ich würde mir von ihm wünschen, dass er seinen Start-up-Fokus nicht nur auf die Zentren Berlin, München, Hamburg etc. scharfstellt, sondern auch die sogenannte Provinz im Auge behält. Überall in Deutschland entstehende spannende Projekte, die oftmals unter dem Radar fliegen und hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen.

Wir haben beispielsweise im letzten Jahr neben zahlreichen Absolventen auch unsere ersten drei Auszubildenden eingestellt. Wir sind aber dringend auf die entsprechenden infrastrukturellen Rahmenbedingungen angewiesen und ich würde für Start-ups im ländlichen Raum sogar gesonderte Förderungen vorschlagen.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Als studierter Jurist wäre ich wohl höchstwahrscheinlich irgendwo auf dieser Welt als Rechtsanwalt tätig.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Irgendwas technologiegetriebenes Ich würde mir aber wohl eher ein US-amerikanisches Hightech-Unternehmen aussuchen.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
Ehrlich gesagt bin ich sehr glücklich mit der Epoche, in der ich jetzt lebe: an der Schwelle zur Digitalisierung, zur industriellen Revolution 4.0 und zum Internet der Dinge. Ich bin sehr gespannt, wie die Konzepte von Location-based-Services unser Leben beeinflussen werden.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Es ist Teil unserer Unternehmenskultur, dass wir kreative Ideen unserer Mitarbeiter fördern, die entweder unser Produkt oder auch ganz andere Bereiche betreffen. Ich würde einen Kreativwettbewerb ausloben und den Gewinner mit den finanziellen Mitteln ausstatten um die eigene Idee umzusetzen.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Im Wald mit meinem Hund und meiner Freundin.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Aktuell wohl mit Donald Trump. Um ihn zu fragen, ob das eigentlich alles sein Ernst ist.

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Richard Lemke ist Gründer und Geschäftsführer von Favendo aus Bamberg. Er studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und Lausanne mit dem Schwerpunkt IT- und Medienrecht. Bereits während seines Referendariats entwickelte er zunächst in Berlin ein neues Onlineshopsystem für den europäischen Markt. Weitreichende Erfahrungen mit E-Commerce sammelte Lemke durch die Gründung und Geschäftsleitung der fewclicks-GmbH Bamberg.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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