Kai Oestreicher von Wunschfutter “Das Ruhrgebiet ist sehr konservativ geprägt”

"Der konservative Spirit kann sehr gefährlich werden. Wir sollten all diese etablierten Unternehmer durch Berlin schleusen und sagen: Schaut Euch an, was alles geht und lasst uns unseren, eigenen Ruhrgebiets-Weg in die Zukunft finden", sagt Kai Oestreicher von Wunschfutter.
“Das Ruhrgebiet ist sehr konservativ geprägt”

Das Ruhrgebiet ist mehr als ein Lebensraum, für die Menschen zwischen Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen ist das Ruhrgebiet auch ein Lebensgefühl. Auch Start-ups erblühen im Pott, das bald komplett ohne Zechen auskommen muss, inzwischen vermehrt.

In unserem Themenschwerpunkt Ruhrgebiet beschäftigen wir uns ausgiebig mit Start-ups im schönen Revier – siehe auch “Ist das Ruhrgebiet die nächste Start-up-Hochburg?” und “10 % aller deutschen Start-ups sind in Rhein-Ruhr Zuhause“.

“Im Ruhrgebiet ist man etwas pragmatischer”

Im Interview mit deutsche-start-ups spricht Kai Oestreicher, Mitgründer der Hundefuttermarke Wunschfutter, über Ruhrgebietskultur, Renommee und konservativen Spirit.

Wenn es um Start-ups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was spricht für das Ruhrgebiet als Start-up-Standort?
Das Ruhrgebiet ist grundsätzlich sehr konservativ geprägt. Für innovative Höhenflüge muss man schon sehr fundiert argumentieren, um Menschen zu begeistern. Allerdings ist man dann sehr entscheidungsfreudig. Zum Positiven wie auch zum Negativen. Das spart Zeit und Kraft.

Was macht speziell den besonderen Reiz der Startup-Szene in Dortmund aus?
Diese Szene ist im internationalen Vergleich noch sehr zurückgeblieben und dass obwohl zum Beispiel seit 2001 hoch dotierte Startup-Wettbewerbe usw. stattfinden. Diese entwickeln sich allerdings nicht weiter, da die Treiber selbst von Unternehmertum und dem echten Startup-Umfeld leider überhaupt keine Ahnung haben. Der Vorteil ist aber, dass der Wettbewerb um die wirklich guten Talente nicht so aufgeheizt ist. Und diejenigen, die die besondere Ruhrgebietskultur schätzen, lassen sich nicht so schnell weglocken und bleiben auch länger im Team. Somit kann ich als Unternehmer besser coachen, führen und eine langfristige Bindung aufbauen. Das führt zu soliden Unternehmen mit klaren Werten. Und das spüren die Kunden, was wiederum profitabel ist.

Das Ruhrgebiet ist dabei aber keine Einheit. Funktioniert der Austausch zwischen Gründern in Essen, Bochum und Dortmund?
Die sehr direkte und offene Art des Ruhrgebiets hilft natürlich sehr. Ja, es gibt Austausch. Allerdings würde ich dies weniger geografisch als mehr fach-inhaltlich sehen. Je nachdem in welcher Lebensphase sich das eigene Unternehmen befindet, findet man Gründerkollegen, mit denen man sich austauschen kann. Interessanterweise lernt man die meisten Ruhgebietsgründer auf speziellen, deutschlandweiten Branchenevents u.a. in Berlin, München oder Hamburg kennen.

Was ist im Ruhrgebiet einfacher als in Berlin – und umgekehrt?
In Berlin ist gefühlt alles näher beisammen. Auch liefert die Infrastruktur aus internationalem Renommee und Zugang zu Kapital durchaus Vorteile. Wenn man aber nicht dem Schema F der Startup-Branche entspricht, fällt man leicht aus dem Raster. Mir kommt es manchmal so vor, als ob das alles ein großer Konzern ist, in dem man einfach immer mal zwischen budgetierten Abteilungen wechselt. Das hat für mich wenig mit echtem Unternehmertum zu tun. Man muss als Unternehmer fundierte Branchenerfahrungen machen, einen Plan auch mal ändern und dann auch dranbleiben können. Das kostet natürlich Zeit. Damit tun sich klassische VC verständlicherweise schwer.

Und was zeichnet das Ruhrgebiet aus?
Im Ruhrgebiet ist man vielleicht etwas pragmatischer und geht auch schwierige Phasen mit, weil man gemeinsam vom Business überzeugt ist. Ein Unternehmen mit brutaler Gewalt in astronomische Höhen zu katapultieren ist sicherlich ein möglicher Weg. Im Ruhrgebiet findet man dafür nur vereinzelt Fürsprecher. Hier will man sich durchbeißen und hüpft nicht direkt auf die nächste Opportunity, wenn es der erste Plan nicht nach 10 Monaten zur Marktführerschaft geschafft hat.

Was fehlt im Ruhrgebiet noch?
Die Hidden Champions sollten sich langsam aktiver zeigen und die Digitale Transformation angehen. Der konservative Spirit kann sehr gefährlich werden. Wir sollten all diese etablierten Unternehmer durch Berlin, Silicon Valley und New York schleusen und sagen: Schaut Euch an, was alles geht und lasst uns unseren, eigenen Ruhrgebiets-Weg in die Zukunft finden! Dümmer würde das Ruhrgebiet von so einem Ansatz sicher nicht. Man darf halt nur nicht den Fehler machen und versuchen diese Hot Spots zu kopieren. Das wird nicht funktionieren. Authentizität ist hier das Wichtigste.

Passend zum Thema: “Start-ups aus dem Ruhrgebiet, die jeder kennen sollte” und “Ruhrgebiet = ‘persönlicher und nicht so oberflächlich’

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

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