
Der erfolgreiche Berliner Inkubator Rocket Internet, hinter dem die Samwer-Brüder Alexander, Marc und Oliver (auch an deutsche-startups.de beteiligt) stecken, steht vor dem Umbruch, einem ganz großen Umbruch. In der vergangenen Woche überschlugen sich die Gerüchte rund um Rocket in der Berliner Gründerszene. TechCrunch fasste die ersten Fakten bereits zusammen: Rund 20 wichtige Rocket-Mitarbeiter – darunter vor allem Angestellte aus der Führungsriege und Mit-Geschäftsführer Christian Weiß – verlassen den Inkubator. Nicht weil sie müssen, sondern freiwillig! Besonders bitter: Mit Rocket-Mitgründer Weiß verliert der Inkubator seinen wichtigsten Kopf. Und es kommt noch dicker: Auch Mit-Geschäftsführer Florian Heinemann, das Online-Marketing-Herz von Rocket, geht nach Informationen von deutsche-startups.de demnächst – vermutlich innerhalb der kommenden drei Monate.
Insgesamt arbeiten bei Rocket Internet momentan ziemlich genau 130 Mitarbeiter, die von TechCrunch genannten 200 sind offenbar schlichtweg falsch. Von diesen 130 Mitarbeitern gehen nun rund 20. Damit verliert der Inkubator auf einen Schlag knapp 15 % seines Teams. Auf jeden Fall eine relevante Anzahl. Zumal gerade die wichtigen Mitarbeiter gehen. Zudem verließ Mit-Geschäftführer Uwe Horstmann Rocket bereits im Sommer. In einer anonymen Mail, die deutsche-startups.de erhielt, in der der Verfasser mit sehr viel spezifischem Fachwissen über Rocket glänzt, ist davon die Rede, dass gerade die “gesamten technischen Wissensträger” gehen würden. Nach üblicher Rocket-Manier sei das Wissen – beispielsweise über das interne Shoppingsystem – nicht dokumentiert worden. Alle beteiligten Personen erhielten von deutsche-startups.de die Chance, zu den aktuellen Entwicklungen Stellung zu nehmen. Keiner nutzte sie!
Rocket Internet wandelt sich zum globalen Internetkonzern
Serien-Investor Oliver Samwer versuchte das Rocket-Team vor wenigen Tagen mit einer Rede zu beruhigen. Sinngemäß sagte er, dass der Abgang der Mitarbeiter keinen Einfluß auf die Entwicklung von Rocket habe. Es passiere halt immer mal, dass Leute gehen würden. Er versuchte stattdessen Aufbruchsstimmung zu verbreiten und sprach davon, dass das Team in den kommenden Monaten und Jahren bis auf 200, 300 und sogar 400 Mitarbeiter wachsen soll. Damit ist Rocket auf dem Weg zum Internetkonzern. Gegenüber TechCrunch sagte Samwer zudem: “Rocket is growing very fast and its team has also been growing very fast. Rocket develops entrepreneurs and sometimes people decide to go their own entrepreneurial route at some point of time. We think this is what Rocket stands for: an entrepreneurial culture. We continue to have a great relationship with Christian and his colleagues and wish them great luck with their new venture”. Man darf somit gespannt sein, was Weiß und Co. demnächst auf die Beine stellen.
Gerade die Entwicklung zum Internetkonzern ist offenbar einer der wichtigen Gründe, warum plötzlich so viele Mitarbeiter den Inkubator, der weltweit aktiv ist, verlassen. Der umtriebige Brutkasten bzw. die umtriebige Klonwerkstatt, die in Deutschland unter anderem den Schuh- und Modeshop zalando (www.zalando.de) zum Megaerfolg führte, die weltweite Internetszene mit den Verkauf von CityDeal an Groupon (www.groupon.de) begeisterte und zuletzt mit Wimdu (www.wimdu.de) zu einem weiteren weltweiten Großangriff ansetzte, entwickelt sich immer mehr zum Großkonzern. Mit allen Nachteilen: Die Teams und Verantwortlichen, die früher quasi beim Kaffee über neue Projekte reden konnten, haben immer weniger Gestaltungsspielraum. Überblick über das Rocket-Imperium hat – außer Oliver Samwer – ohnehin keiner mehr.
Mit Rocket Internet einmal um den Globus
Die großen Projekte in Deutschland, die großen Klonkriege mit bekannten US-Start-ups – zuletzt die peinliche Pinterest-Kopie – bekommt die Szene zwar, mit. Was Rocket in Russland, Asien, Südamerika und dem Rest der Welt treibt, aber kaum jemand. Dabei gibt der Inkubator genau dort gerade richtig Gas! In Brasilien baute Rocket zuletzt das Online-Einrichtungskaufshaus Mobly (www.mobly.com.br), den Kindermodeshop Tricae (www.tricae.com.br) und den Sportladen Kanui (www.kanui.com.br) auf. Der Schuhshop dafiti (www.dafiti.com.br) buhlt in Brasilien schon länger um Kunden. Inzwischen gibt es aber auch dafiti-Ableger in Argentinien und Chile. In Russland gehört bekanntlich der Schuhshop lamoda.ru (www.lamoda.ru) zu Rocket – aber auch der Möbelshop mebelrama.ru (www.mebelrama.ru) und der Sportshop (www.bonsport.ru).
In der Türkei betreibt Rocket evimister (www.evimister.com) und sporena (www.sporena.com). In Australien ist Rocket mit dem Schuh- und Modeshop The Iconic (www.theiconic.com.au) unterwegs, in Indien gehört der Schuh- und Modeshop jabong (www.jabong.com) zum Inkubator. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist der Schuh- und Modeshop namshi (www.namshi.com) beheimatet. Diese Liste lässt sich vermutlich beliebig weiterführen. Bisher erhalten die Samwers bei diesem globalen E-Commerce-Feldzug vor allem vom schwedischen Unternehmen Kinnevik finanzielle Unterstützung. Es liegt aber quasi in der Luft, dass Rocket Internet vielleicht schon bald weitere Kapitalgeber ins Boot holt. TechCrunch schrieb dazu: “Indeed, we understand a key lieutenant of Yuri Milner’s DST fund was recently walked around the Rocket Internet building, meeting various staff, which would suggest the Samwers could be in talks with DST about their fund raising, though Oliver Samwer declined to comment”.
Masse statt Klasse
Doch zurück zum Kern des Problems bei Rocket: Als weitere Gründe für ihren Abgang nennen einige der Rocket-Abtrünnigen, die “schlechte Qualität der neuen Produkte”. Früher hätte man Projekten mehr Zeit gegeben und über Monate optimiert. Inzwischen werde versucht, alles mit Geld zu regeln. Und davon ist bei Rocket schon jetzt mehr als genug vorhanden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der persönliche Umgang im Hause Rocket – von vielen intern auch Galeere Rocket genannt – mit Oliver Samwer als Einpeitscher. Mit der teilweise ruppigen Art an Bord der Galeere kommen viele auf Dauer einfach nicht klar. Und wenn erst einmal der Spaßfaktor bei der Arbeit fehlt, kann auch mehr Geld Mitarbeiter nicht mehr motivieren. Vielleicht muss sich Rocket in den kommenden Monaten immer mehr zu einer klassischen Beteiligungsgesellschaft entwickeln, in der langjährige Mitarbeiter irgendwann zu Partnern aufsteigen, größeren Gestaltungsraum bekommen und so ein wirklicher Teil des Unternehmens werden. Dem Rocket-Team muss es einfach gelingen, gute Mitarbeiter langfristig an sich zu binden. Dann klappt es auch mit dem Aufstieg zum weltweiten Internetkonzern.
Artikel zum Thema
* European Media Holding und Rocket Internet starten RegioJobs
* Rocket Internet kopiert Pinterest – Pinspire geht an den Start
* Jetzt offiziell: Rocket Internet steigt bei Gebrauchtwagen-Start-up Autoda ein
* Zalando-Export geht weiter: Rocket startet Ableger in Brasilien und Russland
* Samwer-Brüder fordern mit Wimdu US-Vorbild airbnb und 9flats.com heraus

Fragen









Kommentare
Sehr interessante Hintergründe. Wenn das mit Florian Heinemann stimmt, dann ist das ja der Hammer. Denn er ist ja das Online-Marketing-Brain, und damit imo der wichtigste non-Samwer bei Rocket.
Wisst ihr, ob alle globalen E-Commerce-Projekte über die Bigfoot-Holding laufen?
Kommentar von Tom 18. Dezember 2011 @ 10:39Wo die ganzen E-Commerce-Projekte aufgegangen sind, kann ich leider nicht sagen. Bigfoot wäre eine Möglichkeit für die Schuh-Shops.
Kommentar von Alexander Hüsing 18. Dezember 2011 @ 10:54… krasse Infos inbes. bzgl F. Heinemann und ganz sicher nicht ohne Folgen. Irgendwie sind es dann doch die gleichen Fragen/Sorgen wie jede größere Firma sie hat. Nur, dass die sich vieeeeel eher darum kümmern würde! Danke für die offene Art trotz eurer Verflechtung …
Kommentar von Dirk 18. Dezember 2011 @ 11:09Wer die Samwers von alando und Jamba-Tagen kennt, den wundert diese Entwicklung nicht im geringsten. Das Wunder ist eher, dass es heute immer noch Leute zu geben scheint, die diese News überraschen. Menschlich gesehen läuft bei Rocket vieles falsch. Und so lange Menschen dort arbeiten, sollte es nicht verwundern, dass die irgendwann die Schnauze einfach voll haben. Fragt doch einfach mal die Leute, die bereits vor 10 Jahren genug hatten und gegagnegn sind und vergleicht die Aussagen mit denen, die heute gegangen sind. Identische Gründe, 100%.
Kommentar von malte 18. Dezember 2011 @ 12:42ich sag nur
http://www.gruenderszene.de/allgemein/10-anzeichen-dafur-dass-du-ein-samwer-startup-leitest
dazu. Die Samwers sind erfolgreich ja, aber die würden die Oma gnadenlos verhökern, wenn die dadurch mehr Kapital erhalten würden.
Denke mal, viele Mitarbeiter sind menschlich enttäuscht neben der Qualität der Arbeit und Arbeitsabläufe. Je größer eine Firma wird, desto enger das Korsett für die Mitarbeiter..
Kommentar von Andreas Otterstein 18. Dezember 2011 @ 16:25Lasst mal die Kirche im Dorf.
Der Erfolg von Rocket geht maßgeblich auf die Samwers zurück und nicht auf Florian Heinemann oder Christian Weiß.
Die beiden haben sicherlich einen guten Job gemacht. Aber genau so gut wie die vielen anderen Top-Mitarbeiter bei Rocket. Sie waren keine Hardcore-Entrepreneure wie die Samwers sondern gefühlt eher mittleres Management und nicht mehr (da einfach mal den persönlichen Trackrecord der beiden mit Projekten wie Gimmigames checken und dann mit dem der Samwers vergleichen; wie gesagt keine schlechten Leute, aber nicht ganz die Liga der Samwers). Von daher finde ich das Echo etwas irreführend.
Zudem weiß keiner, ob der “Weggang” eine vereinbarte Sprachregelung ist oder whatever. Stattdessen immer das Gerede über den schlechten Führungsstil und blablaba. Fluktuation von Mitarbeitern ist das normalste der Welt. Ich glaube, dass da einfach paar Außenstehende wie Butcher das Schiff Rocket/Samwer gerne sinken sehen würden und daher Nachrichten wie diese etwas überzeichnen.
BTW, dass Florian sich schon seit längerem umschaut ist offensichtlich und die Kontaktsuche zur Konkurrenz/anderen Playern war ja nicht zu übersehen.
Fazit: Der “Weggang” juckt keinen und in wenigen Monaten sind beide vergessen, im Gegensatz zu den Samwers und Rocket.
Kommentar von HJ 18. Dezember 2011 @ 22:26Eine Resozialisierungmaßnahme von Ex-Rocket Mitarbeitern tut wohl not ;)
Kommentar von TheRiddler 18. Dezember 2011 @ 22:57lass mich raten HJ, du bist ein 22 jähriger WHUler, der gerade dazugekommen ist:)Der Erfolg basiert selbstverständlich nur auf deinem Herrn und Meister
Kommentar von peter 19. Dezember 2011 @ 07:31HJ,
nunja, normale Fluktuation sieht anders aus, vielleicht 2 oder 3 Leute aber keine 20 .. Aber wenn schon Leute aus der Führung der Samwersunternehmen gehen, ist da was im Busch.. bin gespannt, wie es weitergeht.
Trotz aller Differenzen zu derem Denken und Geschäftsmodellen wünsch ich den Samwers alles Gute.
Kommentar von Andreas Otterstein 19. Dezember 2011 @ 08:18Das war keine Trennung im Guten. Was auch immer vorgefallen ist, bei einer Trennung im Guten …
- würde man nicht einfach ein halbes Dutzend Entwickler mitnehmen
- käme von Olli ein offizielles Bedauern und nicht von Kudlich
- müsste genauso von Florian und Christian ein persönliches Bedauern kommen, idealerweise in Rahmen einer offiziellen Pressemitteilung
Aber ernsthaft, das ganze ist Erneuerung und gut. Wenn ich lese, das Christian Weiß angeblich Top-Java- und PHP-Entwickler mitgenommen haben soll, kann ich nur lachen. Wer entwickelt denn heute noch in Java oder PHP neue Online-Projekte? Da kann man nur sagen, die Trennung war für beide der richtige Schritt.
Kommentar von Doppler 19. Dezember 2011 @ 09:11Da scheint einer aber nicht wirklich Ahnung zu haben…
Kommentar von Thorsten 19. Dezember 2011 @ 09:45Die größten und erfolgreichsten Webseiten/Plattformen der Welt basieren immer noch zu großem Teil auf schnöden PHP.
@Doppler:
Kommentar von A.G. 19. Dezember 2011 @ 09:49Bei dir wird alles in Ruby gemacht oder was soll diese herablassende Aussage über Java/PHP?
Kurze Frage: Inwiefern ist zalando den ein Megaerfolg?
Kommentar von Tom Test 19. Dezember 2011 @ 12:40schon irgendwelche Gerüchte was die alle machen? Neuen Inkubator aufbauen? Zur Konkurrenz gehen?
Kommentar von Silvio 19. Dezember 2011 @ 14:32@Silvio
Kommentar von Andreas Otterstein 19. Dezember 2011 @ 18:11wie es aussieht, werden die was eigenes aufbauen, so meine Quelle
hat oli samwer nicht noch in dem manager magaizin artikel getönt, dass christian weiss partner wird?
Kommentar von c 20. Dezember 2011 @ 14:44@Tom Test: sehr gute, kurze und vor allem wichtige Frage, aber leider etwas zu unpräzise.
Nach gewissen Maßstäben ein Megaplayer, aber wirtschaftlich mit aller Wahrscheinlichkeit eine Mega-Kapitalvernichtungsmaschine.
Erfolg ist eben Definitionssache!
Kommentar von Schrankwand 21. Dezember 2011 @ 10:58:-)
Kommentar von Tom Test 21. Dezember 2011 @ 14:37Ein Megaerfolg – prust….
Würde es irgend jemanden wundern, wenn diese 20 Gestalten demnächst in dem internationalen Incubator der Samwers auftauchen? Bei Rocket sind ja noch andere investiert, die endlich mal nicht von dem Brüdern abgezockt werden wollten, sondern lieber (über Rocket) am Erfolg beteiligt. Da wäre es logisch, dass die Top Talents von Rocket abgezogen werden. ;-)
Ich bin so froh, dass ich nicht für diese Bande arbeiten muss, auch wenn in regelmäßigen Abständen immer mal wieder eine Anfrage bei Xing reinkommt.
Kommentar von Hansi 21. Dezember 2011 @ 16:18Also wenn das der Tonfall bei Rocket ist…
?”i do not accept surprises. i want this planned confirmed by all three of you: you must sign it with your blood.”
http://eu.techcrunch.com/2011/12/22/in-confidential-email-samwer-describes-online-furniture-strategy-as-a-blitzkrieg/
Kommentar von Tom 22. Dezember 2011 @ 18:46Mit rocket internet geht es ab jetzt bergab. Ich freue mich schon auf mehr wettbewerb durch innovation, statt klon.
Kommentar von Mike 24. Dezember 2011 @ 12:53@Mike: Da freu dich mal nicht zu früh. Copycat-Startups scheinen die Standard-Strategie für viele Inkubatoren zu sein… und derzeit schiesst ja einer nach dem anderen aus dem Boden in Europa, insbesondere in Deutschland!
Kommentar von JMCQ87 25. Dezember 2011 @ 22:17@Hansi21
lol
“Ich bin so froh, dass ich nicht für diese Bande arbeiten muss, auch wenn in regelmäßigen Abständen immer mal wieder eine Anfrage bei Xing reinkommt.”
Kommentar von lol 27. Dezember 2011 @ 07:19The Samwers have a really bad reputation for how they treat their employees and now, alot of them are leaving. If you treat your employees like crap, this is what will happen.
Kommentar von dannyboy 29. Dezember 2011 @ 15:56