Der Handelskonzern Tengelmann, zu dem bekannte Offline-Einkaufswelten wie Kaiser’s, Obi und KiK gehören, drängt derzeit mit aller Macht in die Online-Welt: Das 1867 in Mülheim an der Ruhr gegründete Familienunternehmen, welches in 14 Ländern 4.357 Filialen betreibt und 83.655 Mitarbeiter beschäftigt, beteiligte sich über seine Tochter Tengelmann E-Commerce-Beteiligungs GmbH innerhalb der vergangenen Monate an aufstrebenden und etablierten E-Commerce-Anbietern wie brands4friends (www.brands4friends.de), Zalando (www.zalando.de), Baby Markt (www.baby-markt.de) und YouTailor (www.youtailor.de). Das Handelsunternehmen bleibt sich somit auch im Netz treu und investiert in Unternehmen, die Waren verkaufen. Seinen Investitionsfokus gibt der Tengelmann-Ableger dementsprechend mit E-Commerce- und Social-Commerce-Konzepten an.

Auch die Internetschneiderei YouTailor dockte bei Tengelmann an
Erst Anfang Februar dieses Jahres verkündetete der Handelsriese seine E-Commerce-Strategie und sorgte damit in der Branche für großes Aufsehen. Die Strategie schilderte Karl-Erivan W. Haub, Geschäftsführender und persönlich haftender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Tengelmann, damals mit wenigen Worten: “Zukünftig werden wir unsere E-Commerce-Aktivitäten auch über Kooperationen und Beteiligungen ausbauen.” Mit dem Einstieg bei brand4friends und Zalando folgten diesen Worten schnell die ersten Taten. Für den zehnprozentigen Anteil am Shopping-Club brands4friends legte Tengelmann nach Informationen von deutsche-startups.de imposante 10 Millionen Euro auf den Tisch. Den Einstieg bei Zalando soll sich der Handelskonzern ebenfalls einen zweistelligen Millionenbetrag kosten haben lassen. Die Ambitionen sind dementsprechend: “Wir setzen große Erwartungen in deren weitere hervorragende Entwicklung”, sagte Haub bei der Verkündung der Zukäufe.
“Manche Angebote seien nur im Internet möglich”
Bei einer Veranstaltung des Clubs Hamburger Wirtschaftsjournalisten lieferte Haub nach einen Bericht von Dow Jones Deutschland kürzlich weitere Hintergründe zur Firmenstrategie: Das Internet habe die Branche verändert. Ein Ende des Booms sieht der Tengelmann-Chef nicht, vielmehr einen weiteren Boom und noch mehr Druck auf den stationären Handel und somit das Kerngeschäft seiner Unternehmensgruppe. “Im Internet könnten etwa neue Konzepte schneller umgesetzt werden. Manche Angebote seien nur im Internet möglich, Social-Media-Plattformen sowie Mobile Commerce via Smartphones würden ganz neue Möglichkeiten bieten”, zitiert Dow Jones Haub. Mit dem Einstieg bei Start-ups will Tengelmann somit seine Zukunft sichern. Von defizitären Unternehmensablegern wie dem Billgheimer Plus trennte sich Tengelmann bereits. Stattdessen soll das Netz künftig einen ordentlichen Anteil zum Gesamtumsatz erbringen.

Der malerische Firmensitz im schönen Mülheim an der Ruhr
Bis die neue Online-Strategie aber einen erheblichen Anteil zur Zukunftssicherung beitragen kann, wird sicherlich noch einige Zeit vergehen: Tengelmann erwirtschaftete 2008 immerhin einen Umsatz in Höhe von 12,36 Milliarden Euro. Haub gibt deswegen auch unverhohlen zu, dass er sich im Webgeschäft selbst als “Lernernder” sieht. Die Zukäufe im kleinen Still sollen die Einstiegsdroge in das lukrative und zukunftsträchtige Internetgeschäft sein. Haub hält es nicht für ausgeschlossen, später auch “im größeren Stil” Beteiligungen einzugehen. Zu guter Letzt hofft die Unternehmensgruppe durch die Beteiligungen sicherlich auch auf Lerneffekte für das eigene Geschäft. Vorzuweisen hat Tengelmann in Netz bisher nur Plus.de – auch nach dem Verkauf der stationären Geschäfte an Edeka gehört der Online-Ableger weiter zum umtriebigen und erfolgreichen Handelskonzern. Bei Obi, Kaiser’s oder KiK können Onliner dagegen bisher nicht oder nicht mehr auf Shoppingtour gehen. Mit Obi@Otto wagte Tengelmann schon einmal einen Versuch im webbasierten Baumarktsegment. Ende 2006 übernahm Otto alle Anteile an diesem Joint Venture.
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Kommentare
Beeindruckend was die so auf die Beine stellen. Bisher aber alles Minderheitsbeteiligungen. Kann auf Dauer nicht im Interesse von Tengelmann sein, wenn sie im Netz Geld verdienen wollen. Gibt es Aussagen, ob sie die Anteile dauerhaft halten wollen?
Kommentar von Netzchecker 27. Juli 2010 @ 11:01Erstaunlich finde ich, dass Konzerne dieser Größe so zögerlich und verhältnismäßig spät in das Webgeschäft einsteigen. Fehlte da der Mut? Oder hat man das Internet im traditionellen Handel einfach lange unterschätzt?
Kommentar von Regina Deckart - marketingshop blog 27. Juli 2010 @ 13:10Ich würde sagen, dass sie es unterschätzt haben. Dazu kommt eine große, nicht endene Unwissenheit – et voila :)
Kommentar von Nico Barelmann 27. Juli 2010 @ 17:36Konzerne sind halt schwerfällig. Gleichzeitig haben sie Angst davor, dass sie ihr Kerngeschäft torpedieren. Irgendwann ist der Druck aber so groß, dass sie mitmachen müssen.
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