Vermutlich haben alle Agenturen oder Start-ups die Kosten sparen wollen, schon einmal über IT-Outsourcing nach Polen, die Ukraine oder Indien nachgedacht. Häufig mit Vorurteilen belegt, haben viele von Problemen mit Outsourcing aus dem Kollegenkreis gehört. Dabei kann Outsourcing funktionieren, wenn man einige Regeln beachtet. Ein weiterer Vorteil wird erst auf den zweiten Blick deutlich: egal für welche Programmiersprache, Entwickler sind fast immer kurzfristig verfügbar. Jedes Jahr verlassen 20 Mal mehr Software-Entwickler die Hochschulen in Indien als in Deutschland und die indische IT-Branche beschäftigt mehr als 4.000.000 Menschen. Für eine Agentur, die zurzeit iPhone-Entwickler auf dem deutschen Arbeitsmarkt sucht, sind das fast paradiesische Zustände.
Und hier sind die wichtigsten Regeln, mit denen das Outsourcing auch ohne böse Überraschung klappen sollte:
1. Behalte ein realistisches Bild von deinem Projekt
Immer wieder versuchen Startups auf Webseiten wie rentacoder.com ein umfangreiches Projekt mit möglichst wenig finanziellem Einsatz realisieren zu lassen. Das klappt in der Regel selten. Ein Youtube-Klon für 500$ ist eben unrealistisch, auch wenn das der ein oder andere Freelancer auf solchen Plattformen anbietet. Entweder ist die Applikation am Ende fehlerhaft oder man bekommt schlichtweg keine geliefert. Merke: das Outsourcen von Softwareentwicklung ist günstiger, aber kostenlos ist es nicht.
2. Habe einen detaillierten Plan von deinem Projekt
Was in Deutschland gilt, gilt doppelt, wenn man über Distanz arbeiten will. Ein Lastenheft/Pflichtenheft, Projektplanung und Projektcontrolling gehören grundsätzlich zu jedem Projekt, das man ernsthaft betreiben will. Wie soll auch jemand am anderen Ende der Welt wissen, was man möchte, wenn man es selbst nicht weiß.
3. Zahlungsabwicklung oder: “Wie kommt das Geld zum Entwickler?”
Dienste wie Moneybookers, aber auch manche Outsourcing-Plattformen bieten Geldhinterlegung (escrow service) als Dienstleistung an. Bei diesem treuhänderischen Service hinterlegt der Käufer das Geld, erst nach Abgabe seitens des Entwicklers wird ausgeschüttet. Sollte es zu Unstimmigkeiten kommen, springt der treuhänderische Dienst als Mediator ein. Noch mehr empfiehlt es sich, mit einem westlichen intermediären Vertragspartner zusammen zu arbeiten. Er kann Rechnungen mit Mehrwertsteuer ausweisen, internationale Banktransaktionen können vermieden werden und nicht zuletzt hat man einen deutschsprachigen Ansprechpartner vor Ort. Von einer Anzahlung für den Entwickler ist grundsätzlich abzuraten. Ein seriöser Vertragspartner würde dies auch nicht verlangen.
4. Beachte die interkulturelle Kommunikation
Auch in anderen Ländern verstehen die Entwickler grundsätzlich, was man von Ihnen möchte. Trotzdem kann es aufgrund der kulturellen Unterschiede zu Mißverständnissen kommen. Ein deutsches „Abgabe der Software um 12 Uhr“ meint das auch so. Was für uns eindeutig erscheint, wird von Angehörigen anderer Kulturkreise gelegentlich mehr als ungefähre Orientierunghilfe interpretiert. Schon im europäischen Ausland kann man solche Erfahrungen machen. So hat ein Spanier, der zwei Stunden zu spät zu einem Termin erscheint, lediglich das Gefühl, geringfügig hinter dem Zeitplan zu sein, wohingegen wir Deutschen bei mehr als 15 Minuten auch schon mal genervt den Termin platzen lassen.
Gerade um inhaltliche und terminbezogene Missverständnisse zu vermeiden, sollten solche augenscheinlich selbstverständlichen Punkte am besten schriftlich niedergebracht werden. Aber auch hier gilt es Unterschiede zu beachten, gerade bei asiatischen Kulturen ist ein „Ja“ nicht immer wie ein europäisches „Ja“ zu verstehen, und der Angst vor einem Gesichtsverlust muss man sich in der Kommunikation mit dem Entwickler immer bewusst sein. Diese Unterschiede führen bei unvorbereiteten Unternehmen häufig zu Problemen beim Outsourcing, dabei lassen sich solche Komplikationen mit einer gut strukturierten Arbeitsweise und angesammelten Erfahrungswerten sehr gut vermeiden. Der Kontakt zu anderen Kulturen kann dann sogar zu einer interessanten Bereicherung für den Arbeitsalltag beider Seiten werden.
5. Respektiere die Kultur und Religion
Ein besonderer Punkt bei den kulturellen Unterschieden nimmt die Religion ein. Beschäftigt man einen indischen Entwickler, so ruht die Arbeit nicht nur an staatlichen Feiertagen wie Gandhis Geburtstag, sondern auch an einigen hinduistischen Feiertagen. Am besten bittet man den Entwickler frühzeitig um eine Aufstellung der Feiertage des entsprechenden Landes bzw. der Religion.
6. Binde den Entwickler so eng wie möglich in dein Team ein
Ein Entwickler aus Asien oder Osteuropa sollte kein Fremdkörper in der Firma sein. Wenn man lediglich festlegt, dass ein Produkt X in Z Tagen fertiggestellt werden soll, ist das Ergebnis meist niederschmetternd. Viele schlechte Erfahrungen mit Outsourcing haben in einem solchen Vorgehen ihren Ursprung. Ein anderer und meistens besserer Weg ist die Integration des Entwicklers in das Entwicklerteam in Deutschland, eine Einbindung in die unternehmensinterne Projektplanung und das Projektcontrolling. Wenn ich täglich kontrolliere, was mein Entwickler macht, dann gibt‘s auch keine bösen Überraschungen. Dies dürfte wohl eine der wichtigsten Regeln für erfolgreiches Outsourcing an einen Entwickler sein.
Zur Person
Felix Bopp studierte Ökonomie an der Universität Zürich. Bereits während seines Studiums sammelte er unternehmerische Erfahrungen und gründete unter anderem eine Designmanufaktur. Bopp ist zudem Mitgründer von App8 (www.app8.de), einem Vermittlungsservice für indische Softwareentwickler.

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Kommentare
Wie wird bei app8 die Bindung des Entwicklers “garantiert”? Wie sieht es mit Arbeitsvertägen aus? Darf der Entwickler von einem Tag auf den anderen kündigen?
Kommentar von Kreshnik Myftari 27. Januar 2010 @ 08:47Von einem IT-Outsourcing für Start-Ups halte ich wenig… insbesondere bei Technologie-lastigen Gründungen!
Gründe, die meiner Meinung nach dagegen sprechen:
1.) Massiv steigende Projektmanagement-Aufwände/Kosten: Nur wenig Gründer haben Projektmanagement-Erfahrung, noch weniger im Outsourcing-Bereich; wenn die Gründer das Projektmanagement selbst machen besteht also die Gefahr, dass die Entwicklungskosten explodieren oder das Projekt komplett scheitert; wird ein erfahrener externer Projektmanager engagiert ist dies mit entsprechenden Kosten verbunden
2.) fehlende Know-How Bindung an das Start Up: Das bei der Umsetzung aufgebaute Wissen ist nach Projektabschlusa weg, das Unternehmen kan davon nicht langfristig profitieren
Meine Empfehlungen:
Kommentar von Martin Piske 27. Januar 2010 @ 09:37- Bei stark technologie-lastigen Gründungen einen IT-Menschen im Gründerteam haben und später eigenes Personal in diesem Bereich aufbauen -> Know How an die Firma binden
- Bei weniger technologie-getriebenen Gründungen kann man eventuell auch stattdessen mit einem externen Full Service Dienstleister in Deutschland zusammenarbeiten, der einem langfristig zu Seite stehen kann
Mehr zu App8 gibts auch im Blog des Labor für Entrepreneurship. Da war im letzten November Johannes Bruns zu Besuch.
http://labor.entrepreneurship.de/blog/2009/11/komponente-softwareentwicklung/
Kommentar von Florian Komm 27. Januar 2010 @ 10:53Ich glaube die Entwicklung outsourcen ist für die meisten StartUps hier eher der falsche Weg. Bei den meisten steckt ja gerade in der neuen matching-, such-, netzwerk- was auch immer-Technologie der Trick, die Idee.
Was ich als StartUp aber immer machen würde, ist auf Cloud Angebote zurückgreifen. Ich brauch keine eigene Zeiterfassung, Projektplanung, …, Hardware.
Vor Allem im letztgenannten Bereich sehe ich großes Potenzial. Bei jedem StartUp das ich so kennen gelernt habe “macht eine Person dann die Server”. Keiner hat da Bock drauf und der, der sich mit Linux am besten auskennt, macht’s.
Es wird der günstigste Anbieter gewählt – meist Hetzner ;) – und schwupps sind dann bei nem Stromausfall mal wieder die Hälfte der StartUps für nen Tag offline.
Was aber fast wichtiger ist, ist die Tatsache das ein auslagern in die Cloud den StartUps ein Scaling ermöglicht – egal ob bei der genutzten Software oder der Hardware.
Kommentar von Thomas Metschke 27. Januar 2010 @ 11:49Ich würde sagen, dass für Gründer IT-Outsourcing durch die Vermittlung von Programmierer aus Ausland eine bessere Idee wäre (im Vergleich zu Festpreis-Projekten). Wenn man direkt die Entwickler steuert, dann gibt es bestimmt keine Überraschungen am Ende.
Kommentar von Anna Zelenskaya 27. Januar 2010 @ 14:36Bei Start-Ups ist Outsourcing mit Festpreis-Projekten eher schwierig.
Das Ziel kann sich gerade zu Anfangszeiten stark verändern.
Mit dedizierten Teams kann immer noch eine gewissen Flexibilität erhalten bleiben.
Das technische Management sollte in vielen Fällen beim Start-Up bleiben. Wenn zu viel ausgelagert wird, ist das Risiko zu gross.
Die Handarbeit (Coding etc.) auslagern, aber die Fäden in der Hand behalten.
Beim Outsourcing ins Ausland die kulturellen Unterschiede nicht unterschätzen.
Hier bieten europäische Firmen mit Tochterunternehmungen in Outsourcing-Ländern (wie z.B. China oder Vietnam) die Möglichkeit, sowohl von den guten Kostenstrukturen zu profitieren, aber nicht ins ganz kalte Wasser springen zu müssen.
Kommentar von Ngoc Linh Chau 27. November 2010 @ 18:09Es wurde zwar bereits mehrmals kommentiert, doch erscheint auch mir ein Outsourcing mit Start-Ups als eher problematisch, obwohl auch dies natürlich unter gewissen Voraussetzungen möglich ist. Um böse Überraschungen zu vermeiden oder aber auch um eine transparente sowie kommunikative Zusammenarbeit zu ermöglichen, erweist sich Offshoring 2.1 als gute Lösung. Während im Offshoring 1.0, der klassisch traditionellen Vorgehensweise, die Entwicklung auf Basis einer detaillierten Spezifikation von einem ausländischen Anbieter vorgenommen wird, so verfolgt Offshoring 2.0 einen agilen Ansatz, wie z.B. Distributed Scrum. Die effektiven Elemente von Scrum können durch eine regelmässige und direkte Kommunikation mit dem Kunden und mit täglichen Daily Scrums (in diesem Fall über Tools wie Skype) auf dieselbe Art und Weise eingesetzt werden, als würde dieses Projektmanagement-Framework lokal im selben Unternehmen eingesetzt werden.
Kommentar von Isa Dora de Maddalena 13. Dezember 2010 @ 07:39Offshoring 2.1 schlussendlich nimmt einen weiteren wichtigen Aspekt in in das Konzept mit auf. Aufgrund der kritischen sprachlichen sowie kulturellen Unterschiede, bietet es sich als Upgrade des Distributed Scrum an, das Projekt Controlling mit einem aus dem selben Kulturkreis stammenden Verantwortlichen zu besetzen, der überdies den selben sprachlichen Hintergrund aufweist. So können auch heikle Themen und Anliegen direkt angesprochen werden, ohne sich sorgen zu müssen, der Gegenüber könne aus kulturellen Gründen das Gesicht verlieren.
Bei Offshoring sind in den meisten Fällen eine unzureichende und ungenügend transparente Kommunikation sowie kulturelle Missverständnisse Gründe für Komplikationen. Es gibt Tipps (http://www.swissitbridge.ch/lang-de/blog/viewpost/253.html), wie eine interkulturelle Zusammenarbeit oder bereits eine einfachere Outsourcing Zusammenarbeit (http://www.swissitbridge.ch/lang-de/blog/viewpost/202.html) ohne Probleme und Ärgernisse geführt werden kann.
Liebe Leser,
durch den Artikel 175 Lesetipps für Startups bin ich auf diesen Artikel aufmerksam geworden. Ich bin selbst Gründer eines Global IT Staffing Unternehmens und auf unserem Blog haben wir einen Artikel im Mai 2011 veröffentlicht, der sich auf das Thema Outsourcing für kleine Start-Up Unternehmen bezieht.
http://bridge-outsourcing.com/de/bridge-outsourcing/outsourcing-small-start-companies
Ich persönlich bin der Meinung, dass kleine Start-Ups sehr gut Outsourcing betreiben können und freue mich auf Anregungen und Feedback.
Viele Grüße
Kommentar von Hugo Messer 14. Dezember 2011 @ 12:39Hugo Messer