Gastbeitrag von Prof. Hendrik Speck, Teil 2, “Social Networks müssen Verantwortung tragen”

Gestern äußerte sich Professor Hendrik Speck, Dozent der Fachhochschule Kaiserslautern, zu der riesigen Datenmenge, die im Netz zur Verfügung steht und beleuchtete die Vor- und Nachteile dieser Flut. Im zweiten und letzten Teil […]
  • Von Christina Cassala
    Donnerstag, 28. Februar 2008
  • 9 Kommentare

Gestern äußerte sich Professor Hendrik Speck, Dozent der Fachhochschule Kaiserslautern, zu der riesigen Datenmenge, die im Netz zur Verfügung steht und beleuchtete die Vor- und Nachteile dieser Flut. Im zweiten und letzten Teil geht es auch darum, dass ein strategischer Wechsel in der Datensicherung unabdingbar ist – zudem fordert er einen Code of Ethics.

Wem gehört mein Adressbuch?

Plattformen sind sich bewusst, dass sich sämtliche Werte ihre Plattformen direkt auf die Nutzer zurückführen lassen – sie versuchen deshalb alles technisch Mögliche, sozial Tolerierte und gesetzlich Erlaubte, um die Verweildauer der Nutzer zu erhöhen und sie vom Abwandern abzuhalten. Dabei erschaffen sie mit ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen Barrieren für den Nutzer, um diesem die Kontrolle der eigenen Adressbücher und sozialen Kontakte zu verweigern. Obwohl davon auszugehen ist, dass derartige Konstrukte in letzter Instanz keinen Bestand haben werden, sind zumindest momentan die Nutzer in ihrer Rolle als Eigentümer ihrer sozialen Kontakte benachteiligt. Die Frage der Datenportabilität, das Recht der Nutzer zum Verwalten, Löschen und Mitnehmen ihrer Daten wird aufgrund der Grabenmentalität der sozialen Netzwerke erst durch regulativen Druck entschieden werden können. Für den Nutzer geht es dabei nicht nur um die Wahrnehmung der gleichen Rechte wie beim klassischen Adressbuch, es geht auch nicht nur um den unkomplizierten Wechsel von einer Plattform zur anderen, sondern um grundsätzliche Fragen des Verständnisses der Privatsphäre: Die Plattform Popularität ist großen Schwankungen unterworfen und können durch einen eventuellen Verkauf oder eine weitere Übernahme die zur Profilierung ganzer Nationen notwendigen Datenmengen sehr schnell einer ausländischen Macht zum Opfer fallen, Datenschutz mit nationalstaatlich orientierten Wertevorstellungen erweist sich dann schnell als Makulatur.

Das Hauptproblem liegt in der zentralen Datenspeicherung, die mit ihren unzähligen Profilinformationen automatisch zum bevorzugten Zielobjekt für kommerzielle und kriminelle Interessen wird. Einige vermeintliche Sicherheitsbarrieren stellen kein Ernst zu nehmendes Hindernis dar. Fast alle populären Plattformen sind deshalb mehrfach Hackerangriffen zum Opfer gefallen.

Das Problem beginnt beim Nutzer

Ein strategischer Wechsel kann sich insbesondere für neuartige soziale Netzwerke als Differenzierungsmerkmal erweisen. Der gesellschaftliche Lernprozess wird dabei durch die kleineren und größeren Katastrophen der Marktführer unterstützt werden. Die Schwierigkeiten beginnen bei den Nutzern: Innerhalb der bei Studenten beliebten Plattform StudiVZ wurde das Kunstwort und Kontaktaufnahmetool Gruscheln von mehreren hundert männlichen Teilnehmern offensichtlich als Erlaubnis zum virtuellen Grabschen und Kuscheln interpretiert, in Gruppen organisiert, wurden zielgerichtet weibliche Netzwerkteilnehmer „angesprochen“. Die wesentlich größere amerikanische Plattform MySpace zeichnet sich jedoch auch in diesem Bereich aus: innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Plattform zur beliebten Kontaktbörse für Sexualstraftäter.

MySpace dient auch als Anschauungsbeispiel für die Schwierigkeiten an der Nahtstelle von Technologie und Privatssphäre – für die Angriffe auf komplexe Systeme mit relevanten Datenbeständen ist oft eine einzige Schwachstelle hinreichend. Dabei erweisen sich insbesondere die technisch überholten Schutzmaßnahmen als schaler Trost für die Betroffenen.

Die Einstiegsschwelle ist gesunken

Die veränderte Form der Teilhabe ist mediengeschichtlich erklärbar: In den Gründungsperioden des Internet und des World Wide Web war Spezialwissen Voraussetzung für den Zugang und den Einstieg in das Medium. Die damit implizierten Lernphasen und –mühen, das Eintauchen in die Programmiersprachen und Darstellungssysteme, die Beschränkungen der unpopulären Inhalte und die nicht unerheblichen Kosten des Zuganges bildeten einen weitestgehend natürlichen Filter gegen kommerzielle und kriminelle Bemühungen. Mit der Senkung der Einstiegsschwellen, durch die Schaffung grafischer Benutzeroberflächen, mit der Kommerzialisierung und Popularisierung des Internet, durch die Herstellung von Öffentlichkeit durch standardisierte Blogs und später mit dem Rückzug in die vorgefertigten Raster des Populären, der sozialen Netzwerke, ist eine Veränderung der Medienkompetenz und Ethik zu beobachten. Dabei kann sich nicht nur die Selbsterfassung des Einzelnen als problematisch erweisen – bedenklich ist auch die Erfassung und Vertaggung Anderer, die Konstruktion von Abbildern ohne Beteiligung oder Zustimmung des Betroffenen.

Mit der Dominanz des Ewigen verlieren soziale und urchristliche Konzepte des Verjährens, Vergessens, aber auch des Vergebens ihre Bedeutung. Zu Erwarten ist deshalb eine Anpassungsleistung der Gesellschaft, aber auch eine zunehmende Verpflichtung für den Einzelnen, eine permanente Identitätspflege zu betreiben. Diese Demokratisierung der Öffentlichkeitsarbeit kann sich jedoch für eine Mehrzahl der Nutzer als unlösbare Aufgabe erweisen, eine demokratische Teilnahme am Meinungsbildungsprozeß ist dann nicht mehr gegeben. Diese Beinflussung der freien Meinungsäußerung durch die Vorzensur der informationellen Selbstbestimmung steht für die Verletzung eines schützenswerten Grundrechtes – es ist deshalb vorstellbar, dass ähnlich wie bei anderen technologischen Innovationen, Regulierungsbehörden aufgrund des offensichtlichen Versagens der Plattformanbieter nach reiflicher Güterabwägung regulierend eingreifen werden.

Verantwortung tragen

Die Popularität und die damit verbundene Anerkennung sozialer Netzwerke als Massenmedium erhöhen auch den Druck auf die Plattformen. Soziale Netzwerke sind auf ihre Nutzer dringend angewiesen – ohne Nutzer, ohne Respektierung der Nutzerrechte und der damit verbundenen gesetzlichen und moralischen Richtlinien verlieren die Plattformen nicht nur sämtliche verwertbaren Güter und Geschäftsmodelle, sondern auch ihre moralische Daseinsberechtigung. Es gilt auch hier: Wer die öffentliche Meinung prägt und mit ihr spielt, muss letztendlich auch Verantwortung tragen. Diese Verantwortungsübernahme kann durch regulativen Druck erfolgen, bevorzugt ist aber eine Selbstregulierung im Rahmen der Freiwilligen Selbstkontrolle der MultiMedia Anbieter. Intelligente Plattformen werden dabei – wie andere Massenmedien auch – auf die Bereitstellung eines Beirates aus fachlich und sozial Qualifizierten, Datenschutzbeauftragten, Verbraucherschützern, beziehungsweise durch die Nutzer delegierten Teilnehmern zurückgreifen. Dieser Beirat dient als Vermittlerforum.

Ebenso wichtig erscheint die Erarbeitung eines verpflichtenden Code of Ethics sowohl für die Nutzer, Anbieter aber auch für die Werbetreibenden der sozialen Netzwerke, der sowohl die berechtigten Vermarktungsinteressen der Anbieter, aber auch die gesellschaftlich und individuell veranlagten Interessen der Teilnehmer beruecksichtigt. Ein solcher vom Beirat zu verabschiedende Code sollte insbesondere die rechtlichen und sozialen Bedürfnisse europäischer Nutzer ansprechen – und sich damit positiv von seinen amerikanischen Vorbildern unterscheiden.

Zur Person:
Prof. Hendrik Speck lehrt an der FH Kaiserslautern im Fachbereich Informatik/Interaktive Medien, wo er das Information Architecture/Search Engine Labor der Fachhochschule leitet. Er lehrte bzw. gab Workshops an der International School of New Media, European Graduate School, New School of Social Research und an der Columbia University. Prof. Speck referiert auf Konferenzen und publiziert über Multimedia, Media and Communications, Search Engines, Intellectuel Property, Open Source, E-Learning, Data Security und Information Operations.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

  1. Schön, dass es Professoren gibt sich im Medium auskennen und trotzdem kritischen Abstand wahren. Unangenehme Wahrheiten, denen man aber trotzdem ins Auge blicken muss!

  2. Habe dazu in alten Konzepten gewühlt und eins vom letzten Sommer gefunden: User-Beteiligung bei Communities. Das war mal ein Wettbewerbsbeitrag, seitdem nicht weiter verfolgt. Wer Interesse hat: Liegt jetzt hier:
    http://www.slideshare.net/uerdmann/mypie-dein-stck-vom-kuchen-20-284998

  3. Pingback: Das Leben und Ich | Ethik der sozialen Netze

  4. Ich glaube Ihren Beitrag benutz ich in Zukunft immer dann, wenn ich jemanden erklären darf worauf er/sie achten sollte, wenn sie im Internet aktiv werden.

    Vielen Dank!

  5. Pingback: Tourismus - Zukunft - Technologie



  6. biernot

    Wem gehört mein Adressbuch?

    Im Normalfall sollten natuerlich alle Sozialen Netzwerke ein Interesse daran haben den Benutzer auf der Seite zu halten. Benutzer sind das Kapital und keine sozialen Netzwerke sollten durch AGB Veraenderungen oder sonstige vermeindlich(!) gewinnmaximierende Massnahmen auch nur im Geringsten versuchen sich bei den eigenen Benutzern unbeliebt zu machen.

    Bezueglich der Datenportabilitaet sagen Sie “Obwohl davon auszugehen ist, dass derartige Konstrukte in letzter Instanz keinen Bestand haben werden, sind zumindest momentan die Nutzer in ihrer Rolle als Eigentümer ihrer sozialen Kontakte benachteiligt.”

    In meinen Augen geht Ihre Kritik etwas and der Realitaet vorbei. Bei sozialen Netzwerken handelt es sich eben nicht nur um “Adressbuecher” sondern, wie der Name schon sagt, Netzwerke. Einfach alle Freunde auf ein neues soziales Netzwerk zu portieren ist aus diesem Grunde schon unmoeglich.

    “Die Plattform Popularität ist großen Schwankungen unterworfen”
    Das sehe ich anders. Bei keinem Mismanagement sollten Benutzer fuer eine lange Zeit einer Plattform treu blieben, sofern eine kritische Menge erreicht ist. Internetnetnutzer sind meiner Ansicht nach weniger flexibel als das viele glauben moegen.

    “Das Hauptproblem liegt in der zentralen Datenspeicherung, die mit ihren unzähligen Profilinformationen automatisch zum bevorzugten Zielobjekt für kommerzielle und kriminelle Interessen wird.”
    Ist dezentrale Speicherung etwa eine Loesung? Sorry, aber der Absatz sagt nichts aus.

    Das Problem beginnt beim Nutzer

    Es waere auch moeglich es folgendermassen zusammenzufassen: Soziale Netzwerke sind in gewisserweise ein Abbild der (im Internet aktiven) Gesellschaft. Auf dem amerikanischen Markt war es moeglich zu beobachten wie Nutzer von MySpace zu Facebook zuzuwenden um sich von den normalen MySpace Nutzern zu den Collegestudenten bei Facebook abzugrenzen. Also gehoert auch das “Gruscheln” (bzw. Flirten) immer direkt oder indirekt zu einem sozialen Netzwerk. Ob es nun erwuenscht ist oder nicht.

    “MySpace dient auch als Anschauungsbeispiel für die Schwierigkeiten an der Nahtstelle von Technologie und Privatssphäre”
    Das ist sicherlich ein Problem. Allerdings hat MySpace hier grosse Fortschritte gemacht und erreicht langsam aber sicher einen hohen Schutz.

    “Die veränderte Form der Teilhabe ist mediengeschichtlich erklärbar: In den Gründungsperioden des Internet und des World Wide Web war Spezialwissen Voraussetzung für den Zugang und den Einstieg in das Medium.”
    Das ist eine zu oft genannte Fehlannahme und praegt diesen laecherlichen, schwachen Begriff “Web 2.0”. Bereits zu den Anfaengen im Internet gab es das sog. Usenet. Spaeter gab es Foren, Communities. Sogar das Erstellen einer einfachen “Homepage” war durch u.a. beepworld moeglich. Allerdings hat die Verbreitung der Digitalkamera, sowie das Feature “vernetzen” den damaligen Erfolg von MySpace.com ausgeloest.
    “Zu Erwarten ist deshalb eine Anpassungsleistung der Gesellschaft, aber auch eine zunehmende Verpflichtung für den Einzelnen, eine permanente Identitätspflege zu betreiben.”
    Langsam wird dem Nutzer die bedrohliche Transparenz des Internets bewusst und das Nutzerverhalten wird sich demendsprechend bei Einigen (aber noch lange nicht allen) aendern.

    Verantwortung tragen

    So manch ein deutsches Netzwerk hat noch viel zu lernen, das ist richtig. Die aktuellen Hauptakteure MySpace, Facebook und (noch) StudiVZ haben unglaubliches Potential und der geschaetze Wert von Facebook ist in meinen Augen richtig angesetzt. Daher waere es ratsam seine Positionen endlich zu NUTZEN. MySpace macht es ja schon ein wenig vor… Erkennt das Holzbrink etwa nicht? Ich will nicht, dass die Samwers oder Rupert sich in Deutschland noch weiter ausbreiten. Kommt mal endlich in die Gaenge!

    Ich freue mich immer ueber Diskussionen. Wenn jemand meint ich habe totalen Stuss, oder eben nicht, geredet bitte eMail an: harry.knirsch@inbox.com

  7. Interessanterweise sind die ersten beiden Abschnitte dieses Artikels nach den Regeln der neuen Rechtschreibung verfasst worden (erkennbar an Wörtern wie “dass” oder “bewusst”). Ab dem 3. Abschnitt “Die Einstiegsschwelle ist gesunken” kehrt die Autorin jedoch wieder zu den Regeln der alten Rechtschreibung zurück (erkennbar an Wörtern wie “daß” oder “mußte”).
    Scheinbar wurden hier einfach ältere Quellen etwas aufgefrischt.

  8. @harry … etwas lang .. ich hoffe, ich identifiziere die relevanten punkte:

    soziale netzwerke – verstehen sie mich hier bitte nicht falsch: natuerlich reden wir von sozialen netzwerken, der fuer sie persoenlich relevante bereich begrenzt sich jedoch auf den sie umgebenden sozialen graphen … dieser ist wesentlich kleiner, durch ihre sozialen beziehungen definiert, begrenzt durch dunbar’s number, doch eher stern als netzwerk etc. die idee des mitnehmens der freunde halte ich aber fuer spannend … insbesondere im hinblick auf das mitgenommen werden.

    schwankungen der popularitaet – eventuell ist schwankungen nicht das richtige wort … und es haengt sicher auch davon ab, was sie als “lange zeit” definieren … orkut und friendster sind schliesslich auch nicht so alt (ohne diesen ihren erfolg in brasilien oder asien abstreiten zu wollen). analysen in sozialen netzwerken bescheinigen diesen zum beispiel die angesprochene biografische abhaengigkeit: der wechsel von kinderxy, zu studentxy, zu ganzichxy vollzieht sich in etwas mehr als 10 jahren. die altersbezogenen verteilungskurven haben sich etwas geglaettet, bewegen sich aber in relativ stabilen grenzwerten.

    dezentrale speicherung – davon bin ich ueberzeugt … gesucht wird die kombination eines verteilten sozialen graphen (http://bradfitz.com/social-graph-problem/), der zugang zu den verschiedenen plattformen bietet (Open Social http://code.google.com/apis/opensocial/) der durch mikroformate (OpenID http://www.openid.net/) einfach herzustellen ist und dessen datenebenen und privilegien durch public-key-verfahren (PGP http://pgp.mit.edu/) und trust chains abgesichert sind. vorteile: kontrolle durch den graph owner, einfache nutzbarkeit durch mikroformate, sicherheit durch verschluesselung, weniger anfaellig gegen manipulationen/fakes, performant, kompakt, mobil da “mitnehmbar”, eingebettete authentifizierung und verifizierung …

    mediengeschichte – natuerlich gab es usenet, fido etc – aber erinnern sie sich auch noch an die dazu noetigen at modem commands oder die konfiguration ihres akustikkopplers? die teilhabe an diesen netzwerken und foren beschraenkte sich auf eine relativ kleine zielgruppe mit spezifischen faehigkeiten und speziellen verhaltensregeln … das rauschen existierte auch hier – siehe canter und siegel, jedoch in wesentlich kleinerem umfang. mir geht es um die veraenderung der oeffentlichkeit … dabei scheint die dimensionierung der eingangsschwelle eine nicht unerhebliche rolle zu spielen …

    @holger – an der alten rechtschreibung erkennen sie meine spuren … der urspruengliche artikel ist wesentlich detaillierter und umfangreicher und musste deshalb von der redaktion bearbeitet werden

  9. Pingback: Mehr Social Networks - weniger Verweildauer » NETworking 2.0 im Mitmachnetz

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